Pfarrkirche Nassenfels


Die Pfarrkirche St. Nikolaus besitzt als kleine Dorfkirche eine überdurchschnittliche Ausstattung. Zehn große Fenster tauchen die Altäre und Deckengemälde in ein helles Licht und lassen den Raum in einer heiteren Atmosphäre erstrahlen. Mit diesem Text möchten wir Sie zu einem historischen Rundgang einladen, bei dem Sie die Kunstwerke und deren Inhalte kennenlernen.

Die Baugeschichte

1737/38 wurde die Kirche von dem Eichstätter Baudirektor Gabriel de Gabrieli geplant und durch Giovanni Domenico Barbieri erbaut, der aus Graubünden als Mauerlehrling nach Eichstätt gekommen war und nach einer beeindruckenden Karriere sogar Nachfolger im Amt von Gabrieli wurde.

Bei der Planung der Kirche berücksichtige man nicht den weichen, nassen Untergrund im Umfeld der Schutter, auf dem der Kirchturm nicht genügend Halt fand. 1752 neigte er sich gefährlich zur Seite, im Inneren des Kirche zogen sich tiefe Risse durch den Chorbogen. Nachdem man zuerst sogar die ganze Kirche abreißen und neu erbauen wollte, entschied man sich unter Baudirektor Maurizio Pedetti, nur den Turm abzutragen und von der Südseite an die Westfront zu versetzen. Das Erdgeschoss des Turms bildet nun eine kleine Eingangshalle, durch die man in die Kirche eintritt. Hier findet sich eine barocke und sehr ausdrucksstarke Kreuzigungsgruppe aus Eichenholz, die wohl in Zweitverwendung über der Gedenkstätte der Nassenfelser Kriegsgefallenen aufgestellt wurde.

Die Kirche wurde 1741 geweiht und bis 1743 stuckiert und freskiert. 1743 hat man die drei Altäre eingebaut.

Der Hauptaltar

Das Altarbild ist in zwei Zonen geteilt, in der himmlischen erscheint der Schutzpatron der Kirche, der hl. Nikolaus von Myra, der hier als Fürbitter der Kranken vor der hl. Dreifaltigkeit kniet. Im irdischen Bereich liegt eine Frau mit ihrem Kind auf dem Boden, die bleiche Hautfarbe der beiden sowie ihre ausgezehrten Gesichtszüge kennzeichnen sie als sehr krank, das Kind könnte schon gestorben sein. Hinter ihr rauft sich ein Mann die Haare und versucht, sich ein Kreuz vom Hals zu reißen, während kleine  Teufel aus dem Mund entweichen – ein „Besessener“, wie man einst die psychisch Kranken nannte. Links betreten zwei Personen das Bild, der ältere wird von dem jüngeren mit einem Glöckchen in der Hand geführt. Das Glöckchen wurde sowohl von Blinden und ihren Blindenführern genutzt, aber auch um vor Menschen zu warnen, die unter gefährlichen ansteckenden Krankheiten wie z.B. Lepra litten.

Der Maler Johann Adam Ritter von Mölk (1718-1794) schuf das Hochaltargemälde im Jahr 1743, gestiftet wurde es von dem Eichstätter Bischof Johann Anton von Freyberg. Dieser Bischof war sehr freigiebig, wenn es um die Ausstattung von Kirchen ging, so finanzierte er auch im Eichstätter Dom den Willibaldsaltar und einen neuen Hochaltar, den Hochaltar der Schutzengelkirche und die Kapelle auf dem Frauenberg.

Der Maler war ein berühmter Kirchenmaler seiner Zeit, der sogar von Kaiserin Maria Theresia aufgrund seiner künstlerischen Leistungen zum Ritter geschlagen wurde. Wahrscheinlich hätte man ihn sich kaum leisten können, doch kam er nach seiner Ausbildung an der Akademie in Wien während seiner Wanderjahre durch Süddeutschland und erhielt hier noch als unbekannter junger Maler quasi „im Vorbeigehen“ den Auftrag für das Altarblatt. Durch diesen Glücksfall besitzt die Nassenfelser Kirche ein wirklich hochkarätiges Jugendwerk eines großes Meisters, der später in Österreich rund 40 Klöster und Kirchen im illusionistischen Stil von Tiepolo ausmalte.

Im Gemälde des rechten Seitenalters erscheint der hl. Sebastian. Er ist an einem Baum gefesselt, während er seinen Blick nach oben richtet, von wo aus Engel mit der Märtyrerpalme herabfliegen. Sebastian ist im Moment seines Martyriums dargestellt, römische Legionäre haben ihn mit Pfeilen durchbohrt. Bei der Wahl dieses Patrons für den rechten Altar dachte man sicher daran, dass es gut sei, neben dem hl. Nikolaus als Helfer bei Krankheiten noch einen weiteren Heiligen in der Kirche anrufen zu können, der vor allem für Seuchen zuständig ist. Am Boden vor Sebastian ist eine Rüstung abgelegt, auf der ein Wappen den Stifter des Gemäldes verrät: Marquard Willibald Anton Schenk Graf von Castell, der mit seiner Frau die beiden Seitenaltäre finanzierte.

Im linken Seitenalter thront Maria mit dem Jesuskind, rechts hinter ihr erscheint im Gewand der Benediktinerinnen die hl. Walburga,  links vor ihr als Bischof der hl. Willibald, beide zusammen sind die Bistumsheiligen von Eichstätt. Das Gemälde wird dem Eichstätter Maler Joseph Dietrich zugeschrieben, der auch die Kirche in Möckenlohe, die Klosterkirche zu Rebdorf und die Frauenbergkapelle in Eichstätt ausgemalt hat.

Die Kanzel

Schon 1738 wurde die Kanzel als erstes Teil der Ausstattung in Auftrag gegeben. Man konnte also schon direkt nach der Weihe 1741 die Kirche nutzen, noch während an der Decke gearbeitet wurde. Der Pfarrer betrat die Kanzel über einen geraden Laufgang entlang der Kirchenwand. Die Außenseiten sind mit Bildnissen der vier Evangelisten bemalt, deren Texte von hier aus verkündet wurden. Matthäus wird von einem Engel begleitet, Markus vom Löwen und Lukas von einem Stier, außerdem hält er ein Marienporträt in der Hand, das er auf der Staffelei hinter sich gemalt hat. Nach der Legende gilt er als erster Porträtist der Gottesmutter . Mit ihm gab sich Gabriel Seel besonders viel Mühe, war es doch aus Berufsgründen sein eigener Schutzpatron. Als letzter in der Reihe erscheint Johannes mit dem Adler.

Da man zur Erbauungszeit der Kanzel noch keine Lautsprecher kannte, diente ein „Schalldeckel“ über der Kanzel dazu, die Worte des Predigers zu reflektieren. Auf der Unterseite des Deckels erscheint die Taube als hl. Geist, darüber schwebt ein Engel mit einer Schriftrolle in den Händen, auf der die Aufforderung zu lesen ist AUDITE VERBUM – Hört das Wort!

Die Deckengemälde

Pastellfarbene Stuckrahmen teilen die Decke in drei große Felder mit je einem Hauptbild und rahmenden kleinen Gemälden. Sie stammen von Gabriel Seel, der in den Quellen als „pictor et civis in Nassenfels“ bezeichnet, also als Maler und Bürger des Ortes, wo auch vier seiner Kinder geboren wurden. Gabriel Seel hat in Nassenfels 1731 die Witwe eines Bäckers geheiratet, nach deren Tod fünf Jahre später wurde die hier ansässige Anna Margaretha Biebl seine zweite Ehefrau. Allerdings musste er als Künstler der Arbeit hinterherziehen. Ab 1748 arbeitet er für die Jesuiten in der Pfarrkirche in Dinkelshausen, wo er die Fresken und die Altäre schuf.

Über dem Chor zeigt das Bildfeld die Namensgebung und die Beschneidung Christi. Das Thema bezieht sich auf die Nassenfelser Namen-Jesu-Bruderschaft, die seit 1712 durchgehend bis heute existiert und am ersten Sonntag im Jahr das Fest des Namen Jesu feiert. In dem Gemälde wird das Jesuskind von einem Priester auf den Altar gesetzt, ein zweiter hält das Messer in der Hand und ein dritter steht rechts am Lesepult. Alle drei sind durch ihre Kopfbedeckungen als Juden gekennzeichnet. Im Vordergrund kniet Josef, dessen Mantel links unten über den Bilderrahmen herausfließt, ein zu dieser Zeit beliebter illusionistischer Trick, um die Realität mit dem Gemälde zu verbinden. Der Namen Jesu erscheint in der griechischen Kurzform IHS in der Bildmitte schwebend. Darüber erscheinen Gottvater und der Hl. Geist als Taube, die sich mit dem Kind auf dem Altar zur Dreifaltigkeit verbinden. Die kleinen Bildfelder, die im Chor das Mittelbild umgeben, erzählen Geschichten aus der Kindheit Jesu.

Im Kirchenschiff zeigt das große östliche Bildfeld die Verehrung Mariens durch die vier Erdteile. Maria als Himmelkönigin schwebt auf einer goldenen Wolke über der Erde, auf ihrem Schoß thront das segnende Christuskind. Über beiden fliegt eine Taube als Symbol des hl. Geistes, hinter dieser erscheint ein zartes Dreieck als Zeichen der Dreifaltigkeit. Die vier Kontinente zu Füßen Mariens werden durch Personifikationen verkörpert. Links reitet „Africa“ auf einem recht eigenwilligen Elefanten, ein Page trägt ihren Sonnenschirm, ein zweiter eine Schüssel mit dampfendem Weihrauch. Es folgt „Europa“ als gerüstete Frau, die von einem knienden Fürsten in einer Rüstung und einem Geistlichen im Hermelinumhang begleitet wird. Die beiden Männer verweisen auf die Dualität der weltlichen und geistlichen Macht, die in Europa herrschte. Auch die Kronen zu Füßen Europas symbolisieren die regierenden Stände: Kaiserkrone, Fürstenkrone und ein Birett für die Geistlichkeit. Links folgt „Asia“ mit Turban und Schleier. Vor ihr hat sich ein Kamel niedergelassen. Ein Mann mit hohem Federhut gehört noch zu Asien, während die dunkelhäutigen Sitzenden amerikanische Ureinwohner darstellen, einer davon mit prachtvollem Federgewand. Als Zeichen ihrer Missionierung liegt ein Holzkreuz vor ihnen. Hier findet sich die Signatur des Künstlers Gabriel Seel rechts auf dem Kästchen.

Die Figuren der Kontinente sowie den zwischen ihnen sprudelnde Gnadenbrunnen hat der Maler eng an das Deckengemälde von Cosmas Damian Asam in dem Oratorium der marianischen Kongregation in Ingolstadt angelehnt. Damit nahm er sich ein sehr aktuelles, erst sechs Jahre altes Vorbild, war also topaktuell. Allerdings zeigt der Vergleich der Fresken auch, dass Gabriel Seel an die Meisterschaft von Asam nicht heranreicht.

Das dritte große Deckenbild westlich über der Empore bezieht sich auf den Namenspatron der Kirche, den hl. Nikolaus. Das Besondere an dem Bild ist die Abbildung von Nassenfels, in der Mitte steht die neugebaute Kirche, deren Turm noch in der originalen Position steht, bevor er versetzt werden musste. Rechts im Bild steht die Wasserburg. Über allem wacht Nikolaus, der an seiner Bischofstracht zu erkennen ist, aber auch an den drei goldenen Kugeln, die der kleine Engel links neben ihm trägt. Eine Legende erzählt, wie er mit diese Kugeln drei Mädchen als Aussteuer gab.

Im Detail wird das Leben des Namenspatrons in den fünf Bildfeldern auf der unteren Empore erzählt. Links steht Nikolaus schon als neugeborenes Baby betend im Waschzuber. Im zweiten Bildfeld verweigert er an einem Freitag die Mutterbrust, um das Fastengebot einzuhalten. In der Mitte segnet der Bischof die vor ihm knienden Menschen. Es folgt links die Szene, in der er den drei Mädchen die goldenen Kugeln schenkt, die fortan sein Erkennungszeichen in der Kunst sein sollen. In dem letzten Bild links besänftigt er einen Seesturm und rettet somit ein Schiff, das in Seenot geraten ist.

Ein besonderes Fresko findet sich noch an der Unterseite der Orgelempore. Es ist die Darstellung der noch im Bau befindlichen Nassenfelser Kirche, sogar die Bildfelder der unteren Empore sind zu erkennen. Dargestellt ist die dramatische Szene, in der ein Maurer in die Tiefe stürzt. Das Unglück ist nicht überliefert, doch offenbar muss es während der Arbeiten einen Unfall gegeben haben, den man dokumentieren wollte. Sogar ein Teil des Namens ist am unteren Bildrand noch zu lesen: Bern?...ll oder Benno…ll. Vielleicht ist Bernhard Deller gemeint, Bürger und Maurermeister aus Eichstätt, der verantwortlich für die Maurerarbeiten der Kirche war.

Der Leuchter

Mitten im Kirchenraum hängt ein ungewöhnliches Werk: Der Apostelleuchter. Zwölf Kerzenhalter, jeder mit einem aus Holz geschnitzten Apostel (um 1700 bis 1740) geschmückt, gruppieren sich um eine runde Militärtrommel. Man hat also auf dieses ausgediente Musikinstrument aus der Zeit um 1800 die zwölf ehemaligen Wandleuchter aufmontiert und somit einen „Kronleuchter“ geschaffen.

Wenn Sie die Nassenfelser Kirche noch genauer kennen lernen möchten, vermitteln wir Ihnen gerne eine Kirchenführung!

Text: Prof. Dr. Kerstin Merkel (Katholische Universität Eichstätt)